Worum es geht
Die bisherigen Methoden in Teil B haben eines gemeinsam: Sie beschreiben ein Außen. Wasserfall und V-Modell sagen, wie man baut und prüft. PRINCE2 sagt, wie man steuert. PMBOK liefert Wissen und Methoden. IPMA dreht die Perspektive um 180 Grad: Im Mittelpunkt steht nicht das Verfahren, sondern die Person, die es anwendet — und ihre Kompetenzen.
Getragen wird dieser Ansatz von der IPMA (International Project Management Association), dem internationalen Dachverband nationaler Projektmanagement-Verbände, in Deutschland vertreten durch die GPM (Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement). In dieser Einheit siehst du das Kompetenzmodell ICB4, seine drei Domänen und das vierstufige Zertifizierungssystem — und warum IPMA bewusst kein Vorgehensmodell ist.
Der Perspektivwechsel: vom Verfahren zur Person
Der Leitgedanke der IPMA lässt sich in einem Satz fassen: Projekte werden von Menschen gemacht. Nicht eine Methode bringt ein Projekt zum Erfolg, sondern die Fähigkeit der Beteiligten, in einer konkreten Situation richtig zu handeln. Deshalb beschreibt IPMA keine Prozesse und keine Wissensgebiete, sondern Kompetenzen — und das macht den Standard zugleich methoden-neutral: Er lässt sich mit jedem Vorgehensmodell kombinieren, ob klassisch oder agil.
Genau hier liegt der Unterschied zu den vorigen Modulen: PMBOK fragt „Welches Wissen, welche Methoden brauche ich?”, PRINCE2 fragt „Wie steuere ich?” — IPMA fragt „Welche Kompetenzen muss die handelnde Person mitbringen?”.
Das Kompetenzmodell ICB4
Das Herzstück ist die Individual Competence Baseline 4 (ICB4), seit 2016 der gültige internationale Standard. Sie beschreibt rund 28 Kompetenzelemente, gebündelt in drei Kompetenzbereiche:
Bildlich fasst die IPMA dieses Zusammenspiel im Eye of Competence zusammen: People, Practice und Perspective umschließen die handelnde Person in der Mitte. Erst im Zusammenspiel aller drei Bereiche entsteht Projektkompetenz — fachliches Können allein genügt nicht.
Die drei Domänen
Die ICB4 denkt Projektmanagement nicht isoliert, sondern auf drei Ebenen — den Domänen:
Damit deckt der Standard die ganze Bandbreite ab — vom einzelnen Vorhaben bis zur strategischen Steuerung auf Portfolioebene.
Das 4-Level-Certification-System
IPMA zertifiziert nicht das Wissen über eine Methode, sondern die Kompetenz der Person — abgestuft nach Verantwortung und Erfahrung. Das 4-Level-Certification-System (4-L-C) kennt vier Stufen:
| Stufe | Titel | Fokus |
|---|---|---|
| Level A | Certified Projects Director | Strategische Leitung komplexer Projekt-, Programm- und Portfoliolandschaften. |
| Level B | Certified Senior Project Manager | Verantwortung für komplexe Projekte und Führung von Teilprojektleitungen. |
| Level C | Certified Project Manager | Eigenverantwortliche Leitung von Projekten begrenzter Komplexität. |
| Level D | Certified Project Management Associate | Projektmanagement-Wissen und Mitarbeit im Projekt. |
Der Unterschied zur reinen Wissensprüfung: Während auf Level D vor allem Kenntnisse geprüft werden, kommt ab Level C die nachgewiesene Anwendungserfahrung in echten Projekten hinzu. Die Zertifizierung wächst also mit der Person — und muss regelmäßig durch Rezertifizierung aufgefrischt werden.
Wann es trägt — und wann nicht
IPMA spielt seine Stärke überall dort aus, wo es um die Entwicklung und den Nachweis von Können geht: als Rahmen, um Projektpersonal gezielt zu qualifizieren und international anerkannt zu zertifizieren — quer über alle Branchen, Rollen und Projektgrößen. Weil der Standard methoden-neutral ist, passt er zu jedem Vorgehen und lässt sich mit PMBOK, PRINCE2 oder agilen Ansätzen frei kombinieren.
Seine Grenze ist zugleich sein Wesen: IPMA ist kein Vorgehensmodell. Es sagt dir nicht, wie du ein konkretes Projekt Schritt für Schritt durchführst — dafür brauchst du weiterhin eine Methode. IPMA entwickelt die Person, die diese Methode anwendet. Wer eine fertige Anleitung zum Abarbeiten sucht, ist hier falsch; wer kompetente Projektmenschen aufbauen will, richtig.
Quiz zum Modul
3 Fragen · bestanden ab 60% richtigen Antworten.
1. Worin unterscheidet sich **IPMA** grundlegend von PMBOK und PRINCE2?
2. Welche drei **Kompetenzbereiche** definiert die ICB4?
3. Wofür steht das **4-L-C**?
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Quellen
- GPM — Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement (deutsches Mitglied der IPMA, Träger der ICB4)
- IPMA — International Project Management Association (internationaler Standard und 4-L-C)