Worum es geht
Wasserfall und V-Modell beschreiben, wie man ein Produkt entwickelt und prüft. PRINCE2 setzt eine Ebene höher an: Es sagt nichts darüber, wie du etwas baust — sondern wie du ein Projekt führst, kontrollierst und an den richtigen Stellen entscheidest. Der Name verrät es: PRINCE2 steht für Projects IN Controlled Environments, Projekte in beherrschten Umgebungen.
In dieser Einheit siehst du die Grundidee (Steuerung statt Bauanleitung), das Fundament aus sieben Prinzipien, die sieben Prozesse entlang des Projektlebenszyklus, die sieben Practices — und wo PRINCE2 bewusst aufhört.
Die Idee: Steuerung statt Bauanleitung
PRINCE2 organisiert Entscheidungen, Rollen und Kontrolle über ein Projekt hinweg. Dazu trennt es drei Führungsebenen, auf denen jeweils andere Entscheidungen fallen:
- Lenkungsebene (Direction): der Lenkungsausschuss rund um den Auftraggeber (Executive), Senior User und Senior Supplier. Er trägt die Gesamtverantwortung, gibt Phasen frei und sichert den Business Case.
- Managementebene (Management): der Projektmanager führt das Projekt im Tagesgeschäft — plant, überwacht, steuert.
- Lieferebene (Delivery): der Teammanager und das Projektteam erstellen die eigentlichen Produkte.
Der Clou dieser Trennung: Jede Entscheidung fällt auf der Ebene, die dafür zuständig ist. Der Ausschuss steuert, der Projektmanager managt, das Team liefert — und niemand muss sich um Dinge kümmern, die eine andere Ebene besser entscheidet. Ergänzt wird das Modell um unterstützende Rollen wie Projektunterstützung und Projektsicherung.
Das Fundament: die 7 Prinzipien
Sieben Prinzipien bilden die nicht verhandelbare Grundlage. Ohne sie ist es kein PRINCE2:
Zwei davon prägen den Charakter der Methode besonders. Die fortlaufende Rechtfertigung macht den Business Case zum Taktgeber: Trägt er nicht mehr, wird das Projekt beendet — auch mittendrin. Und Management by Exception hält die Führung schlank: Der Lenkungsausschuss definiert Toleranzen und greift erst ein, wenn sie überschritten werden, statt jede Kleinigkeit zu entscheiden.
Die 7 Prozesse im Projektlebenszyklus
Die Prozesse beschreiben, wer wann was tut — verteilt über die drei Ebenen:
| Ebene | Prozess | Worum es geht |
|---|---|---|
| Lenkungsebene | 1. Lenken eines Projekts | Der Lenkungsausschuss steuert übergreifend und entscheidet an den Schlüsselpunkten. |
| Managementebene | 2. Vorbereiten eines Projekts | Prüfen, ob das Vorhaben sinnvoll und machbar ist. |
| Managementebene | 3. Initiieren eines Projekts | Das Projekt sauber aufsetzen: Pläne, Business Case, Organisation. |
| Managementebene | 4. Steuern einer Phase | Die laufende Managementphase überwachen und Arbeitspakete steuern. |
| Managementebene | 5. Managen eines Phasenübergangs | Den Übergang zur nächsten Phase planen und freigeben lassen. |
| Lieferebene | 6. Managen der Produktlieferung | Die eigentliche Produkterstellung durch das Team koordinieren. |
| Managementebene | 7. Abschließen eines Projekts | Das Projekt geordnet beenden und die Ergebnisse übergeben. |
Auffällig ist, dass „Lenken eines Projekts” die ganze Zeit mitläuft: Der Ausschuss begleitet das Projekt von der Freigabe bis zum Abschluss, während die übrigen Prozesse den Lebenszyklus Phase für Phase durchlaufen.
Practices und Tailoring
Quer zu den Prozessen gibt es sieben Aspekte, die durchgängig gemanagt werden — die Practices: Business Case, Organisation, Qualität, Pläne, Risiken, Änderungen und Fortschritt. In früheren Auflagen hießen sie „Themes”; in PRINCE2 7 wurden sie offiziell in „Practices” umbenannt. Sie sind die Brille, durch die jeder Prozess betrachtet wird: In jeder Phase fragt man, was sie für den Business Case, die Qualität, die Risiken und so weiter bedeutet.
Genauso wichtig ist das Prinzip des Zuschneidens: PRINCE2 ist ausdrücklich dafür gedacht, an Größe und Kontext eines Vorhabens angepasst zu werden. Ein kleines Projekt nutzt eine schlanke Variante, ein großes die volle Tiefe.
Und hier liegt die ehrliche Grenze der Methode: PRINCE2 sagt dir, was zu tun ist und wann — Rollen, Entscheidungspunkte, Steuerung. Es sagt dir bewusst nicht, wie du schätzt, planst oder technisch vorgehst. Diese Werkzeuge liefert es nicht mit. Genau dort setzt das nächste Modul an: PMBOK ergänzt die Steuerung um den Werkzeugkasten der Techniken.
Wann es trägt — und wann nicht
PRINCE2 spielt seine Stärke aus, wo Steuerung und nachvollziehbare Entscheidungen zählen: bei Vorhaben mit mehreren Beteiligten, mit echtem Lenkungsausschuss, mit Phasenfreigaben und einem Business Case, der Bestand haben muss. Durch das Tailoring skaliert es von klein bis groß.
Seine Grenzen: Für winzige Vorhaben ist der volle Apparat zu schwer — dann schneidet man ihn konsequent herunter. Und PRINCE2 ist ein Steuerungsrahmen, kein Liefer- oder Schätzwerkzeug. Es ersetzt weder Fachmethoden noch agile Umsetzungsteams — es rahmt sie. Wie sich diese Governance mit agiler Lieferung verbinden lässt, zeigt Modul 08.
Quiz zum Modul
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Quellen
- PeopleCert — PRINCE2 (Steuerung des Standards, vormals AXELOS)
- PRINCE2.com (Überblick zu Prinzipien, Prozessen und Practices)