Worum es geht
Bevor wir uns in Teil C den agilen Frameworks zuwenden, lohnt der gründliche Blick auf das, womit Projektmanagement jahrzehntelang gleichgesetzt wurde: die klassischen, plangetriebenen Methoden. Sie sind weder veraltet noch überholt — sie lösen eine andere Art von Problem als agile Ansätze.
Dieses Modul orientiert dich. Du lernst, was „klassisch” überhaupt heißt, welche sechs Methoden Teil B im Einzelnen vorstellt und — am wichtigsten — woran du erkennst, ob der klassische Ansatz zu deinem Vorhaben passt. In die Tiefe jeder einzelnen Methode gehen wir hier noch nicht; das ist die Aufgabe der folgenden Module.
Was „klassisch” eigentlich heißt
Allen klassischen Methoden liegt dieselbe Grundannahme zugrunde: Das Ziel eines Projekts lässt sich zu Beginn ausreichend genau bestimmen. Daraus folgt ein Phasenmodell — das Projekt läuft in aufeinanderfolgenden Abschnitten ab, jeder mit einem definierten Ergebnis, getrennt durch Meilensteine, an denen bewusst entschieden wird, ob es weitergeht. Erst planen, dann bauen.
Das ist kein Selbstzweck. Wer eine Brücke baut, ein Rechenzentrum migriert oder ein neues Abrechnungssystem einführt, will nicht auf halber Strecke feststellen, dass das Fundament nicht trägt. Vorab-Planung kauft Verlässlichkeit: klare Verträge, kalkulierbare Budgets, nachvollziehbare Entscheidungen.
Der Preis dafür zeigt sich, sobald sich die Welt während des Projekts ändert. Der Kontrast zu agilen Ansätzen lässt sich auf wenige Punkte verdichten:
| Aspekt | Plangetrieben (klassisch) | Agil |
|---|---|---|
| Planung | weitgehend zu Beginn | fortlaufend, in kurzen Zyklen |
| Umgang mit Änderungen | über geregelte Änderungsanträge | erwünscht, jederzeit möglich |
| Lieferung | am Ende, als Ganzes | inkrementell, Stück für Stück |
| Dokumentation | umfangreich, formal | bedarfsgerecht, schlank |
| Feedback | spät, nach Phasenabschluss | früh und häufig |
Keine Spalte ist die „bessere”. Sie beschreiben zwei Antworten auf zwei verschiedene Fragen: Plangetrieben passt, wenn das Ziel bekannt ist; agil passt, wenn das Ziel erst im Tun klarer wird.
Die Landkarte: sechs Methoden und eine Brücke
Teil B stellt die sechs Methoden vor, die im deutschsprachigen Raum am häufigsten anzutreffen sind, und schließt mit der Brücke ins Agile. Hier die Landkarte in einem Satz pro Methode:
| Methode | Herkunft | Charakter in einem Satz |
|---|---|---|
| Wasserfall | 1970 · Winston Royce | Streng sequenziell — jede Phase wird abgeschlossen, bevor die nächste beginnt; Pate vieler späterer Modelle. |
| V-Modell | Deutschland · öffentlicher Sektor | Verzahnt Entwicklung und Test systematisch über die „V”-Form; gründlich und dokumentationsstark. |
| PRINCE2 | Großbritannien · PeopleCert (vormals AXELOS) | Prozessmodell mit klaren Prinzipien, Rollen und Phasen; stellt Steuerung und Wirtschaftlichkeit ins Zentrum. |
| PMBOK | USA · PMI | Umfassender Wissensrahmen; verbindet in der aktuellen 8. Auflage (2025) Prinzipien, Ergebnis-Domänen und konkrete Prozesse. |
| IPMA / ICB | Europa · IPMA | Kompetenzbasiert — fragt nicht „wie führe ich ein Projekt”, sondern „welche Fähigkeiten braucht die Projektleitung”; methodenneutral. |
| HERMES | Schweiz · Bundesverwaltung | Modular und frei verfügbar; integriert in der Ausgabe 2022 klassische, hybride und agile Vorgehensweisen. |
| PRINCE2 Agile (Brücke) | Großbritannien · PeopleCert | Verbindet die Steuerung von PRINCE2 mit agiler Umsetzung — der Übergang zu Teil C, vertieft in Modul 08. |
Du siehst schon hier: Die Methoden unterscheiden sich weniger darin, ob sie planen, als darin, worauf sie den Schwerpunkt legen — auf Prozesse (PRINCE2), auf Wissen (PMBOK), auf Kompetenzen (IPMA) oder auf einen frei verfügbaren Baukasten (HERMES). Wie tief die Methode im konkreten Projekt wirklich greift, ist eine Frage des Tailorings — also der bewussten Anpassung an Größe und Kontext.
Wann der klassische Ansatz trägt — und wann nicht
Der klassische Ansatz spielt seine Stärke aus, wenn mehrere dieser Bedingungen zusammenkommen: Das Ziel und der Umfang stehen früh fest. Es gibt einen harten, von außen gesetzten Termin. Viele Beteiligte müssen über lange Zeit koordiniert werden. Und es besteht ein hoher Bedarf an Nachvollziehbarkeit — sei es für Abnahmen, Audits oder schlicht, weil Fehler teuer oder gefährlich wären.
Er gerät dort an seine Grenzen, wo genau diese Voraussetzungen fehlen: bei unklaren oder sich laufend ändernden Anforderungen, bei Vorhaben, deren Ergebnis man erst durch Ausprobieren findet, oder wenn schnelles Feedback wichtiger ist als ein durchgeplanter Pfad. Wer hier streng plangetrieben arbeitet, plant mit hoher Präzision an der Realität vorbei.
Ein ehrlicher Hinweis zum berühmtesten Modell: Der Begriff „Wasserfall” geht auf eine Arbeit von Winston Royce aus dem Jahr 1970 zurück — und Royce stellte das streng sequenzielle Modell darin ausdrücklich als riskant vor und empfahl Iteration und frühes Feedback. Der „reine Wasserfall” ist also eher eine verkürzte Lesart als ein Ideal. In der Praxis existiert er kaum in Reinform; die meisten Organisationen mischen klassische Steuerung mit agiler Umsetzung. Genau diese Mischung greifen Modul 08 und Teil C wieder auf.
Quiz zum Modul
3 Fragen · bestanden ab 60% richtigen Antworten.
1. Was bedeutet ein **„plangetriebenes"** Vorgehen?
2. Welche Aussage trifft auf den **„reinen Wasserfall"** zu?
3. Wann ist der klassische Ansatz die bessere Wahl?
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Quellen
- PMI — PMBOK Guide (Project Management Institute)
- PeopleCert — PRINCE2
- IPMA — Individual Competence Baseline (ICB)
- HERMES — Schweizer Bundesverwaltung (frei verfügbar)
- V-Modell XT — IT-Methoden des Bundes