xbank Academy für IT-Security
Modul 9 · 30 Minuten

Modul 9 - Vorfallmanagement & DORA-Meldefristen

ISO 27035 in fünf Phasen, S1-S4-Klassifizierung, CSIRT-Rollen und die DORA-4h-Uhr — mit Tabletop und drei echten Bank-Vorfällen.

Die 4-Stunden-Uhr beginnt

Es ist Sonntag, 21:47 Uhr. Im SOC der xbank klingelt der Bereitschafts- Handy. Tier-1 hat eine ungewöhnliche Lateral-Movement-Spur von einem Server in der Kreditabteilung Richtung interner Domain-Controller gesehen. Ein RAT-Indikator passt zur Threat-Intel-Liste, die das CSIRT letzte Woche gefiltert hatte.

22:15 Uhr — Der diensthabende CSIRT-Analyst übernimmt. Erste Forensik zeigt: ja, das ist ein bestätigter IS-Vorfall. Mehrere Konten kompromittiert. Bisher noch kein nachgewiesener Datenabfluss, aber das Risiko ist erheblich.

22:48 Uhr — Der Incident Manager der Bank weckt den CISO. Gemeinsam wird gegen die DORA-Klassifizierungskriterien geprüft. Die Bewertung: „schwerwiegender IKT-Vorfall” nach DORA Art. 18. Die Kreditabteilung ist eine kritische Funktion, das Konzentrationsrisiko auf einen Domain-Controller hoch.

23:15 Uhr — Klassifizierung steht. Damit beginnt die 4-Stunden-Uhr für die Erstmeldung an die BaFin. Sie endet um 03:15 Uhr Montag früh.

Was passiert in diesen vier Stunden? Wer schreibt was? An wen geht die Meldung, in welchem Format? Welche Inhalte sind Pflicht? Wer eskaliert an den Vorstand? Genau diese Workflow-Frage beantwortet Modul 9.

Drei Stufen der Klassifizierung

Vor allem anderen steht die Frage: Was haben wir hier eigentlich? ISO 27035 unterscheidet drei Stufen, mit klaren Übergangs-Kriterien:

Klassifizierung nach ISO 27035 — drei Stufen
Stufe 1
IS-Ereignis
Mögliche, noch unbestätigte Verletzung der IS-Richtlinie. Wird vom SOC erfasst und im Log gehalten.
Beispiele: fehlgeschlagene Logins, AV-Alert auf einzelnem Endgerät, ungewöhnlicher Traffic-Peak, Konfigurationsabweichung.
Stufe 2
IS-Vorfall
Ereignis(se) mit signifikanter Wahrscheinlichkeit, den Geschäftsbetrieb zu beeinträchtigen — bestätigte Bedrohung. CSIRT wird aktiviert.
Beispiele: bestätigte Malware-Infektion auf Server, kompromittierte privilegierte Konten, erfolgreicher Phishing-Klick mit RAT-Installation, Konfigurationsänderung an SWIFT-Software.
Stufe 3
Major Incident
IS-Vorfall mit erheblichen negativen Auswirkungen auf Geschäft, Reputation, Finanzen oder Compliance. DORA-Meldepflicht greift, 4h-Uhr läuft.
Beispiele: Ransomware-Ausfall des Online-Bankings, SWIFT-Manipulation (Bangladesh-Heist-Szenario), Datenabfluss mit Kundenbezug (DSGVO-Meldepflicht), ICBC-London-Fall November 2023.
Lese-Regel: Die Klassifizierung ist dynamisch — ein IS-Ereignis kann sich nach erster Untersuchung zum Vorfall oder direkt zum Major Incident eskalieren. Wichtig: die 4h-DORA-Uhr beginnt ab Klassifizierung als „schwerwiegend", nicht ab Erkennung. Die Klassifizierungs-Entscheidung wird dokumentiert und ist Audit-Pflicht.
Drei Stufen, klare Übergangs-Kriterien — entscheidend für die richtige Eskalation und das Auslösen der DORA-Meldepflicht.

Die Klassifizierung ist die wichtigste Audit-Entscheidung im gesamten Vorfallmanagement — sie löst die DORA-Meldepflicht aus, aktiviert die Eskalation an den Vorstand und schreibt den Krisenstab zwingend zusammen. Eine falsche oder verspätete Klassifizierung kann nachträglich zur Sanktion durch die Aufsicht führen.

Der ISO-27035-Prozess in 5 Phasen

Hinter jedem Vorfall steckt derselbe fünfphasige Lifecycle:

ISO-27035-Prozess in fünf Phasen
1
Plan & Prepare DORA Art. 6, 17 Dauer: vor jedem Vorfall
Richtlinien, Playbooks, CSIRT-Aufbau, Schulungen, Übungen
2
Detect & Report DORA Art. 10, 17 Dauer: Minuten
Erkennung via SIEM/EDR, Ticket eröffnen, Erstklassifizierung
3
Assess & Decide DORA Art. 18 Dauer: Stunden
Schweregrad festlegen (S1-S4), Eskalation, ggf. Major Incident
4
Respond DORA Art. 11, 19 Dauer: Stunden — Tage
Eindämmen, Beseitigen, Wiederherstellen, BaFin-Meldung
5
Learn DORA Art. 13, 19 Dauer: Wochen
Post-Incident-Review, Root Cause Analysis, Lessons Learned
Wichtig: Die Phasen 2 und 3 (Detect & Report → Assess & Decide) entscheiden über die DORA-4h-Uhr. Eine saubere Detection und schnelle Klassifizierung sind das, was den Unterschied zwischen „rechtzeitig gemeldet" und „verspätet gemeldet" ausmacht — und damit auch zwischen „Maßnahmenplan" und „Sanktion durch die Aufsicht".
ISO 27035 — fünf Phasen, DORA-Artikel-Bezug pro Phase, typische Dauer in einer reifen Bank.

Wichtig ist: Phase 1 (Plan & Prepare) passiert vor jedem Vorfall — sie ist die Voraussetzung dafür, dass die anderen vier Phasen im Krisenfall überhaupt funktionieren. Eine Bank ohne Playbooks, ohne geübtem CSIRT, ohne klar definierte Schweregrade kann im Ernstfall nichts liefern.

Schweregrad-Matrix S1–S4

Innerhalb der Klassifizierungs-Phase wird einem Vorfall ein Schweregrad zugewiesen. In Banken hat sich die S1-S4-Skala etabliert:

GradAuswirkungReaktionszeitBeispielDORA-Meldung?
S1Kritisch — Geschäftsbetrieb gestopptSofort, 24/7Online-Banking-Ausfall, Ransomware-Welle, SWIFT-ManipulationJa, immer
S2Hoch — kritische Funktion eingeschränkt< 4hKompromittiertes priv. Konto, partieller Mail-AusfallJa, meist
S3Mittel — einzelne Systeme betroffen< 1 WerktagMalware auf Einzelplatz, lokal isoliertSelten — Einzelfall-Prüfung
S4Niedrig — keine wesentlichen AuswirkungenNext Business DayFailed Logins, AV-Alert, Standard-PhishingNein

Drei Dimensionen fließen in die Bewertung ein:

  • CIA-Auswirkungen — Vertraulichkeit, Integrität, Verfügbarkeit
  • Asset-Reichweite — Anzahl betroffener Systeme, Kritikalität, Ausbreitungsgrad
  • Regulatorik-Trigger — DORA-Meldepflicht, DSGVO-Datenpanne, Reputationsrisiko

Die Matrix ist in jedem ISMS-Handbuch dokumentiert und im jährlichen Tabletop-Exercise geübt.

DORA-Meldefristen vertieft (Art. 17–23)

Wir hatten in Modul 6 die drei Meldestufen kurz gesehen. Hier die Detail-Ansicht, wie sie in der Praxis durchlaufen wird:

Meldepflicht-Pfad nach DORA Art. 19
4 Stunden
Erstmeldung an die BaFin
Sobald als „schwerwiegend" klassifiziert (max. 24h nach Erkennung). Pflichtinhalte: Klassifizierung, betroffene Funktionen, vorläufige Einschätzung, erste Eindämmungsmaßnahmen.
erweiterter Status …
72 Stunden
Zwischenmeldung
Aktualisierte Lage, weitere Erkenntnisse, Status der Eindämmung, Auswirkungs-Update, ggf. erste Hypothesen zur Ursache.
mit RCA und Lessons Learned …
1 Monat
Abschlussbericht
Vollständige Root Cause Analysis, dokumentierte Maßnahmen, finanzielle Auswirkung, Lessons Learned, Anpassungen am IKT-Risikorahmen.

Wann beginnt die 4-Stunden-Uhr genau?

Die häufigste Audit-Falle in deutschen Banken. Die richtige Antwort:

  • Nicht ab Erkennung des Vorfalls
  • Nicht ab Eskalation an den CISO
  • Sondern: ab Klassifizierung als „schwerwiegender IKT-Vorfall” im Sinne von DORA Art. 18.

Mit einer harten Obergrenze: Spätestens 24 Stunden nach Erkennung muss die Klassifizierungs-Entscheidung gefallen sein. Wer das hinauszögert, hat regulatorisch ein Problem — die Aufsicht wird nachträglich prüfen, ob die Klassifizierung „mit angemessener Sorgfalt” und „zeitnah” erfolgte.

Was muss in die Erstmeldung?

Die Erstmeldung wird über das BaFin-Meldeportal eingereicht. Pflichtinhalte nach RTS zur DORA-Meldung:

  • Identifikation der Bank und Ansprechperson (typischerweise CISO)
  • Zeitpunkt der Erkennung und Zeitpunkt der Klassifizierung
  • Betroffene IKT-Systeme und Geschäftsfunktionen
  • Vorläufige Bewertung der Auswirkungen auf Kunden, Geschäftsbetrieb, Markt
  • Erste Eindämmungs- und Mitigationsmaßnahmen
  • Stand der Ursachenermittlung (im Erstbericht oft noch unklar)
  • Erste Bewertung der Außenkommunikation (sind Kunden zu informieren?)
Vertiefung im Normen-Handbuch DORA-Meldefristen vollständig im Wiki Detailregelung der drei Meldungsstufen, Pflichtinhalte, BaFin-Portal-Spezifika und Mapping auf ISO 27035. DORA-Originaldokumente Art. 17-23 mit RTS/ITS Marcus' DORA-Übersicht mit Direkt-Links zu den spezifischen Regulatory Technical Standards zur Vorfallmeldung.

Das CSIRT — fünf Rollen im Krisenstab

Im Ernstfall arbeitet das CSIRT nach einem klar definierten Rollen-Modell. In kleinen Banken in Personalunion, in größeren Häusern mit eigenen Personen besetzt:

CSIRT-Rollen nach ISO 27035-2
Incident Manager
  • Gesamtkoordination im Krisenstab
  • Entscheidung über Eskalation an 2L / Vorstand
  • Single Point of Contact für externe Aufsicht
SOC / 1st Responder
  • Ersterkennung und Triage
  • Erstmaßnahmen (Isolierung, Logs sichern)
  • Übergabe an Technical Analyst
Technical Analyst
  • Forensik, Root Cause Analysis
  • Eradication (Schadcode entfernen)
  • Wiederherstellungs-Plan technisch
Communication Lead
  • Interne Krisenkommunikation
  • Externe Kommunikation (Kunden, Medien, Aufsicht)
  • Abstimmung mit PR / Marketing
Legal / Compliance
  • DORA-Meldepflicht-Prüfung (Art. 19)
  • DSGVO-Datenpannen-Meldung (Art. 33)
  • Strafrechtliche Aspekte, Strafanzeige
In der Praxis: Kleine Banken besetzen mehrere Rollen in Personalunion. Wichtig ist nicht die Anzahl der Köpfe, sondern dass die Aufgaben klar zugeordnet sind — und dass das Krisenstab-Playbook das vorab definiert.
Fünf CSIRT-Rollen — formal aus ISO 27035-2, in jeder DORA-konformen Bank in dieser oder ähnlicher Aufteilung vorhanden.

Der Incident Manager ist die wichtigste Rolle — er/sie koordiniert alles, hält Kontakt zur 2L und entscheidet über Eskalation an den Vorstand. In den meisten Banken ist der Incident Manager nicht der CISO selbst (der wäre dann zu sehr im operativen Kleinklein), sondern ein erfahrener Senior aus dem CSIRT, der direkt an den CISO berichtet.

CSIRT in kleinen Banken — die virtuelle Rolle

In der Realität haben die wenigsten Förderbanken ein eigenständiges CSIRT mit eigenen Stellen. Sobald die Bank kleiner ist als ein paar hundert Mitarbeiter, lohnt sich der 24/7-Schichtbetrieb wirtschaftlich nicht — und damit ist das SOC fast immer an einen MSSP ausgelagert. Das CSIRT wird dann zur virtuellen Rolle: keine eigenen Köpfe mit dem Titel „CSIRT-Analyst”, sondern ein im Playbook festgeschriebenes Team aus IT-Leitung, ISB und MSSP-Liaison, das im Krisenfall zusammen die fünf CSIRT-Rollen abdeckt.

CSIRT-Organisation nach Bank-Größe
Großbank
> 10.000 Mitarbeiter
SOC
Inhouse, 24/7-Schichtbetrieb, Tier 1-2-3 komplett im Haus.
CSIRT
Eigenständiges Team mit Stellenbeschreibung „CSIRT-Analyst" und „Incident Manager", typisch 8-15 Köpfe.
typisch
Deutsche Bank, Commerzbank, DZ Bank, KfW
Mittelgroße Bank
500 – 10.000 MA
SOC
Hybrid: Tier 1 ausgelagert (MSSP), Tier 2-3 inhouse mit Bank-Spezialisten.
CSIRT
Kernteam inhouse (3-5 Köpfe), MSSP liefert Bereitschaft außerhalb der Bürozeiten und Forensik auf Abruf.
typisch
Sparkassen-Verbund, Landesbanken, größere Förderbanken
Kleine Bank / Förderbank
< 500 MA
SOC
Vollständig an MSSP ausgelagert (z. B. T-Systems, Atos, NTT). Bank betreibt selbst kein 24/7-Schichtmodell.
CSIRT
Virtuelle Rolle — keine eigenen „CSIRT-Mitarbeiter", sondern eine im Playbook definierte Konstellation: IT-Leitung übernimmt Incident Manager, ISB übernimmt Technical Analyst, MSSP-Liaison übernimmt SOC-Vertretung im Krisenstab.
typisch
Kleine Förderbanken, Genossenschaftsbanken, Spezialbanken
DORA-Aufsichts-Sicht: Es ist egal, ob das CSIRT mit eigenen Köpfen besetzt ist oder als virtuelle Rolle aus IT-Leitung + ISB + MSSP zusammengesetzt wird. Geprüft wird, ob die fünf Rollen funktional abgedeckt sind, im Krisenstab-Playbook dokumentiert und mindestens einmal pro Jahr geübt (Tabletop). Für Förderbanken mit ausgelagertem SOC ist die Vertragsklausel zu Eskalationszeiten und Forensik-Bereitschaft nach DORA Art. 30 ausdrücklich Audit-Pflicht (siehe Modul 7).
Drei Modelle, eine DORA-Pflicht — funktionale Rollen-Abdeckung statt vorgeschriebener Stellenanzahl.

Wichtig zu verstehen: Die Verantwortung lässt sich nicht auslagern. Der MSSP übernimmt Detection und Tier-1/2-Reaktion, aber die Klassifizierung als „schwerwiegend” (4h-Uhr-Auslöser), die DORA-Meldung an die BaFin, die Krisenkommunikation und die Vorstandseskalation bleiben immer bei der Bank. Der MSSP liefert die technischen Inputs — die regulatorische Entscheidung trifft die 2. Linie.

Tabletop-Exercise — wie das geübt wird

DORA Art. 24-25 verlangt regelmäßige Tests — die wichtigste Übungsform fürs Vorfallmanagement ist das Tabletop-Exercise. Ein realistisches Szenario wird am Konferenztisch durchgespielt, ohne dass echte Systeme betroffen sind. Hier ein durchgespieltes Szenario:

Szenario: Kompromittierter VPN-Account einer Privilegierten

Ausgangslage — Montagmorgen, 09:30 Uhr.

Im SOC läuft ein Alarm: Aus einem ungewöhnlichen Land (Singapur) hat sich eine Mitarbeiterin der IT-Administration per VPN eingeloggt. Sie ist offiziell im Urlaub. MFA wurde korrekt absolviert — was möglich ist, wenn der Angreifer auch das Mobiltelefon kontrolliert.

Tabletop-Zeitleiste — Kompromittierter VPN-Account
  1. 09:32
    SOC-Tier 1 sichtet den Alarm und eröffnet ein Ticket. Übergabe an Tier 2.
    Klassifizierung: IS-Ereignis
  2. 09:48
    SOC-Tier 2 verifiziert: Login wirklich aus Singapur. Die betroffene Mitarbeiterin ist nicht erreichbar.
    Wechsel → IS-Vorfall
  3. 10:05
    CSIRT übernimmt. VPN-Session wird beendet, Account temporär gesperrt. Forensik startet.
  4. 10:30
    Incident Manager wird einbezogen. Erste Frage: was hat die Person in den 38 Minuten Online-Zeit gemacht?
  5. 10:50
    Forensik-Befund: Zugriffe auf privilegiertes Active-Directory-Konto, mehrere Berechtigungs-Abfragen, Versuch eines Domain-Controller-Zugriffs (geblockt durch Mikrosegmentierung).
  6. 11:15
    CISO wird informiert. Bewertung der drei Dimensionen: CIA (potenzielle Integritätsverletzung im AD, keine Vertraulichkeitsverletzung nachweisbar), Asset-Reichweite (kritisch — privilegiertes Konto, AD-Zugriff), Regulatorik (DORA-Meldepflicht wahrscheinlich).
  7. 11:30
    Klassifizierung steht: schwerwiegender IKT-Vorfall.
    4h-DORA-Uhr beginnt
  8. 12:00
    Krisenstab einberufen. Communication Lead bereitet Pressetext vor. Legal prüft DSGVO-Meldepflicht.
  9. 13:30
    Compensating Controls: alle privilegierten Konten weltweit erzwingen MFA-Re-Auth. Forensik auf der Endpoint der Mitarbeiterin. Das Mobiltelefon wird als kompromittiert eingestuft.
  10. 15:30
    Erstmeldung an BaFin abgeschickt.
    4h-Uhr eingehalten
  11. ab 18:00
    Eindämmung läuft, Kommunikation an Vorstand, Vorbereitung der 72h-Zwischenmeldung.
Lese-Regel: Die farbigen Marker zeigen die Wendepunkte: Wechsel der Klassifizierung (slate → amber → red) und der Moment, ab dem die DORA-4h-Uhr läuft. Zwischen Klassifizierung „schwerwiegend" (11:30) und Erstmeldung (15:30) liegen exakt 4 Stunden — eingehalten.
Tabletop-Exercise als Zeitleiste — Klassifizierungs-Wechsel und DORA-Frist visuell nachvollziehbar.

Was lernen wir aus dem Tabletop?

  • Die Klassifizierungs-Entscheidung ist der kritische Moment. Tier 2 wechselt von „Ereignis” zu „Vorfall” — das aktiviert das CSIRT.
  • Die Zeit zwischen Eskalation und Klassifizierung muss kurz sein. Im Beispiel: 1 Stunde 30 Minuten.
  • Compensating Controls (MFA-Re-Auth weltweit) sind oft die wichtigste Sofort-Maßnahme.
  • Communication Lead und Legal arbeiten parallel zum technischen Strang — nicht erst, wenn die Technik fertig ist.

Bank-Beispiele aus Vorfallmanagement-Sicht

Bangladesh Bank 2016 — Hätte die 4h-Uhr geholfen?

Wir hatten in Modul 1 den Vorfall geschichtlich, in Modul 3 als Angriffsklasse behandelt. Aus Vorfallmanagement-Sicht ist das Interessante:

  • Klassifizierung zog sich über mehrere Stunden hin — die Bank wusste erst nicht, ob es ein Vorfall oder schon ein Major Incident war.
  • Eskalation an Vorstand kam zu spät — Stunden nach dem ersten SWIFT-Alarm der Federal Reserve.
  • Externe Meldung an die Aufsicht erfolgte erst, nachdem die Presse bereits berichtete.

Hätte DORA damals gegolten, wäre die 4h-Uhr ab Klassifizierung gelaufen — und vermutlich wäre die Klassifizierungs-Entscheidung selbst zum Audit-Thema geworden.

ICBC Financial Services London 2023 — wie tatsächlich gemeldet wurde

Der LockBit-Angriff vom 8. November 2023 zwang die ICBC binnen Stunden zur Klassifizierung als schwerwiegend — das US-Treasury-Trading war betroffen, eine Markt-Auswirkung sofort gegeben. Was bekannt ist:

  • Klassifizierung als „Major Incident” innerhalb von ~2 Stunden nach Detection.
  • US-Treasury Department wurde durch die ICBC selbst informiert, parallel zur internen Meldung.
  • Externe Forensik (Mandiant) wurde am selben Tag beauftragt.
  • Vollständiger Wiederanlauf der Trading-Systeme: ~5 Tage.

ICBC ist als US-Bank-Niederlassung nicht direkt DORA-pflichtig, hatte aber vergleichbare Meldepflichten an SEC und FRB. Funktional sehr ähnlich.

Maersk / NotPetya 2017 — die fünfte Phase als Erfolgsstory

Maersk (siehe Modul 4) ist ein Lehrstück für die fünfte Phase „Learn”:

  • Post-Incident-Review wurde sechs Wochen nach dem Vorfall mit externer Begleitung durchgeführt.
  • Lessons Learned: BCM-Replikation muss segmentiert sein, Backup-Strategien müssen physisch trennen, Krisenstab-Playbook muss geprobt sein.
  • Konkrete Maßnahmen: Maersk veröffentlichte einige Lessons öffentlich — ein Novum in der Branche, das Sicherheitskultur prägt (Vortrag des damaligen CISO Andy Powell auf DEF CON 27).

Maersk ist das positive Gegenstück zu Bangladesh: die ersten Phasen liefen schwach (Detection, Klassifizierung dauerten lang), die fünfte Phase war exzellent — und genau das hat das Unternehmen langfristig gerettet.

Verzahnung mit Modul 8 (Three Lines)

In jedem Vorfall greift der bekannte Eskalationspfad aus Modul 8:

  • 1L erkennt (SOC), behandelt operativ (CSIRT) — das WIE
  • 2L klassifiziert mit, eskaliert, meldet — das WAS-Auslösen
  • 3L prüft nach Wochen, ob alles korrekt lief — das OB

Im Krisenfall ist die Trennung der Linien besonders wichtig: Die 1L soll handeln, die 2L soll bewerten und melden, die 3L soll später unabhängig prüfen. Wer im Krisenstab alle drei Rollen gleichzeitig hat, bekommt im Audit Probleme.

Die fünf Merksätze für Modul 9

  • 1

    Die 4h-DORA-Uhr beginnt ab Klassifizierung, nicht ab Erkennung — mit harter Obergrenze von 24h zur Klassifizierungs-Entscheidung.

  • 2

    Drei Stufen — Ereignis, Vorfall, Major Incident. Die Übergänge sind die kritischen Audit-Momente. Eine falsche Klassifizierung kann nachträglich zur Sanktion führen.

  • 3

    Fünf ISO-27035-Phasen. Plan & Prepare passiert vor jedem Vorfall und ist die wichtigste Phase überhaupt. Ohne sie scheitern alle anderen.

  • 4

    CSIRT mit fünf klar getrennten Rollen. In kleinen Banken in Personalunion, in großen mit eigenen Köpfen — aber funktional immer getrennt.

  • 5

    Die fünfte Phase „Learn” ist nicht optional. Post-Incident-Review und RCA sind Pflicht (DORA Art. 13, 19) und das, was die Bank langfristig stärker macht. Maersk ist das positive Beispiel.


Wissens-Check

Quiz zum Modul

7 Fragen · bestanden ab 67% richtigen Antworten.

1. Ordne den drei Klassifizierungsstufen das passende Beispiel zu.

  1. Begriff
    IS-Ereignis
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  2. Begriff
    IS-Vorfall
    Definition hierher ziehen oder rechts anklicken
  3. Begriff
    Major Incident
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Definitionen

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2. Wann beginnt die 4-Stunden-Uhr für die DORA-Erstmeldung genau?

3. Ordne den DORA-Meldungsstufen das passende Hauptinhaltsfeld zu.

  1. Begriff
    Erstmeldung (4h)
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  2. Begriff
    Zwischenmeldung (72h)
    Definition hierher ziehen oder rechts anklicken
  3. Begriff
    Abschlussbericht (1 Monat)
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4. Welche fünf Phasen hat der ISO-27035-Vorfallmanagement-Prozess? (mehrere richtig)

Mehrfachauswahl möglich.

5. Ordne den CSIRT-Rollen die passende Hauptaufgabe zu.

  1. Begriff
    Incident Manager
    Definition hierher ziehen oder rechts anklicken
  2. Begriff
    SOC / 1st Responder
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  3. Begriff
    Technical Analyst
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  4. Begriff
    Communication Lead
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  5. Begriff
    Legal / Compliance
    Definition hierher ziehen oder rechts anklicken
Definitionen

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6. Wozu dient ein Post-Incident-Review?

7. Welche Kombination führt typischerweise zur Klassifizierung als Major Incident und damit zur DORA-Meldepflicht?

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