Wenn der Cloud-Anbieter “kritisch” wird
Es ist der 14. Januar 2026. In der Vorstandssitzung der xbank liegt ein
Brief der EBA auf dem Tisch. Inhalt: ein bestimmter US-Hyperscaler — bei
dem die Bank seit acht Jahren ihr Online-Banking-Frontend betreibt — wurde
gerade EU-weit als
Was ändert sich für die Bank über Nacht?
- Der Anbieter unterliegt jetzt direkter EU-Aufsicht durch die
(ESAs ,EBA ,ESMA ), nicht mehr nur durch die Bank selbst.EIOPA - Die EU-Aufseher dürfen eigene Inspektionen beim Anbieter durchführen, auch außerhalb der EU.
- Bei Nicht-Mitwirkung des Anbieters: Zwangsgelder bis 1% des weltweiten Tagesumsatzes pro Tag.
- Die Bank muss ihre eigene Konzentrations- und Exit-Bewertung aktualisieren — sind wir zu abhängig?
Genau dieses Szenario wird in den nächsten Jahren in vielen Vorstandsetagen durchgespielt — und es ist ein perfekter Aufhänger für Modul 7. Hier geht es um die Welt der Drittparteien: was Auslagerung bedeutet, wie der Lebenszyklus aussieht, was DORA verlangt, und wie Cloud-Sicherheit funktioniert.
Was bedeutet “Auslagerung” in einer Bank?
Nicht jedes Outsourcing ist eine Auslagerung im aufsichtsrechtlichen Sinne.
Eine Auslagerung liegt nach
- ein anderes Unternehmen mit der Wahrnehmung von Aktivitäten oder Prozessen beauftragt wird, die normalerweise die Bank selbst erbringen würde,
- diese Aktivitäten typischerweise ein Bestandteil der bankgeschäftlichen oder bankgeschäftsbegleitenden Tätigkeit sind.
Die Abgrenzung zum reinen Fremdbezug ist unscharf, aber bedeutsam:
| Beispiel | Was ist es? |
|---|---|
| Auslagerung wesentlich — Kernkommunikation und Dokumentenablage | |
| Reine Office-Lizenz ohne Cloud-Services | Eher Fremdbezug — Standardsoftware |
| Cloud-Hosting des Online-Bankings | Auslagerung wesentlich — Kerngeschäft |
| Externe Druckerei für Kontoauszüge | Auslagerung — bankgeschäftsbegleitend |
| Strom vom örtlichen Versorger | Fremdbezug — keine Bankaktivität |
| Externer Kreditkarten-Verarbeiter | Auslagerung wesentlich — Zahlungsverkehr-Kern |
Wesentliche Auslagerungen lösen verschärfte Pflichten aus: explizite Genehmigung der Aufsicht oft nötig, höhere Vertragsanforderungen, intensivere laufende Steuerung. DORA hat den Begriff inhaltlich aufgegriffen, ohne MaRisks Wesentlichkeits-Kategorie 1:1 zu übernehmen.
Drittparteien-Lebenszyklus — fünf Phasen
Jede einzelne Drittparteien-Beziehung folgt einem typischen Lebenszyklus. Wer das versteht, weiß auch, wo welche DORA-Artikel greifen.
Beachte: Phase 5 (Exit) wird in der Praxis am häufigsten unterschätzt. Banken haben oft hervorragende Onboarding-Prozesse, aber kein vorab gepröbtes Exit-Konzept. Wenn dann ein Anbieter pleite geht oder den Service einstellt, beginnt die Notfall-Migration ohne Drehbuch. DORA Art. 30 hat genau diese Lücke geschlossen: Exit-Strategien sind seit 17.01.2025 Vertrags-Pflichtinhalt, nicht mehr „nice to have”.
DORA Kapitel V vertieft (Art. 28–44)
Wir hatten in Modul 6 die Übersicht aller DORA-Kapitel gesehen. Kapitel V verdient eine Vertiefung — es ist mit 17 Artikeln das größte und für die Bank-Praxis eines der wichtigsten.
Pflichten der Bank (Art. 28–30)
Art. 28 — Allgemeine Grundsätze. Drittparteien-Risiko ist integraler Bestandteil des IKT-Risikomanagements. Die Verantwortung bleibt bei der Bank, auch wenn Funktionen ausgelagert sind. Pflicht zur laufenden Überwachung und zu einem zentralen Drittparteien-Register, das jährlich an die Aufsicht gemeldet wird.
Art. 29 —
- Wie viele kritische Funktionen hängen schon an diesem Anbieter?
- Gibt es realistische Alternativ-Anbieter?
- Wie aufwendig wäre ein Wechsel?
Ein klassisches Cluster-Beispiel: 80% der deutschen Kernbank-Anwendungen laufen heute bei einem von drei großen IT-Dienstleistern. Wenn einer ausfällt, ist nicht nur die einzelne Bank in Schwierigkeiten, sondern ein Branchen-Cluster.
Art. 30 — Vertragliche Vereinbarungen. Acht Pflicht-Inhalte:
| # | Pflicht-Inhalt |
|---|---|
| 1 | Klare Beschreibung der Funktion und Dienste |
| 2 | Servicelevels ( |
| 3 | Anforderungen an Datenort und Datenzugriff |
| 4 | Audit-Rechte der Bank UND der Aufsichtsbehörde, inklusive Vor-Ort |
| 5 | Regeln für Subunternehmer (Anzeige, Zustimmung, Kontrollrechte) |
| 6 | Beendigungs- und Exit-Klauseln mit fristgemäßer Kündigung |
| 7 | Datenrückgabe und nachweisliche Datenlöschung |
| 8 | Insolvenz-Klauseln und Notfall-Konzepte des Anbieters |
Diese acht Punkte sind in jedem DORA-Audit Pflicht-Lesefutter — die Bank muss zu jedem ihrer Drittpartei-Verträge zeigen können, wo welcher Punkt geregelt ist.
Das CTPP-Konzept (Art. 31–44) — neu mit DORA
Bis DORA hat jede Bank ihre Drittparteien selbst gesteuert. Mit DORA gibt es eine neue Kategorie: Critical Third-Party Provider (CTPPs) — Anbieter, die für viele Banken gleichzeitig kritisch sind.
Wer wird CTPP? Die
- Systemische Bedeutung: Wie viele Finanzunternehmen sind Kunden?
- Kritikalität der Funktionen: Sind das nur Standard-Dienste oder Kernbank-Funktionen?
- Substituierbarkeit: Wie schwer ist ein Wechsel?
- Vernetzung: Hängen viele andere Anbieter selbst von diesem ab?
Erwartet werden 2025/2026 als CTPPs: die großen Hyperscaler (Microsoft Azure, AWS, Google Cloud), bestimmte SWIFT-nahe Anbieter, große Kernbank-Dienstleister.
Direkte EU-Aufsicht. Ein CTPP unterliegt nicht mehr nur der Bank-Aufsicht (über die Banken-Verträge), sondern bekommt eigene EU-Aufseher — sogenannte „Lead Overseer”. Diese dürfen:
- Untersuchungen anstoßen (Art. 35)
- Inspektionen vor Ort durchführen, auch außerhalb der EU (Art. 36–37)
- Empfehlungen aussprechen (Art. 35)
- Bei Nicht-Mitwirkung Zwangsgelder verhängen — bis 1% des weltweiten Tagesumsatzes des Anbieters pro Tag (Art. 43)
Cloud-Sicherheit — der wichtigste Spezialfall
Auslagerung in die Cloud ist heute der dominante Drittparteien-Fall. Über 70% aller deutschen Banken nutzen 2026 mindestens einen großen Hyperscaler für kritische Funktionen. Was Cloud-Sicherheit besonders macht: die Verantwortungs-Verteilung hängt vom Modell ab.
Drei Cloud-Modelle, drei Verantwortungs-Ebenen
| Modell | Was kommt vom Anbieter? | Was bleibt Bank-Verantwortung? |
|---|---|---|
| Server, Storage, Netzwerk, Virtualisierung | Betriebssystem, Middleware, Anwendung, Daten, Identitäten | |
| + Betriebssystem, Middleware, Laufzeit | Anwendung, Daten, Identitäten | |
| + Anwendung selbst | Daten, Identitäten, Konfiguration |
Shared Responsibility — wer macht was?
| Schicht | On-Premises | IaaS | PaaS | SaaS |
|---|---|---|---|---|
| Daten | Bank | Bank | Bank | Bank |
| Identitäten | Bank | Bank | Bank | Bank |
| Anwendung | Bank | Bank | Bank | Bank |
| Laufzeit | Bank | Bank | Bank | Bank |
| Middleware | Bank | Anbieter | Bank | Bank |
| Betriebssystem | Bank | Anbieter | Bank | Bank |
| Virtualisierung | Bank | Anbieter | Anbieter | Bank |
| Server / Hardware | Bank | Anbieter | Anbieter | Bank |
| Netzwerk | Bank | Anbieter | Anbieter | Anbieter |
| Rechenzentrum | Bank | Anbieter | Anbieter | Anbieter |
Was du dir mitnehmen musst: Selbst beim ausgelagertsten Modell (
BSI C5 als Cloud-Audit-Standard
Der
| Themenbereich | Inhalt (Beispiele) |
|---|---|
| Organisation der Informationssicherheit | Rollen, Verantwortlichkeiten, ISMS |
| Personalsicherheit | Background-Checks, Awareness, Sensibilisierung |
| Asset-Management | Inventarisierung, Klassifizierung |
| Identitäts- & Zugriffsmanagement | |
| Kryptographie | Verschlüsselung in Ruhe und Übertragung, Schlüsselverwaltung |
| Physische Sicherheit | Rechenzentrums-Zutritt, Umgebungsschutz |
| Betriebssicherheit | Patch-Management, Backup, Logging |
| Kommunikationssicherheit | Netzwerk-Trennung, sichere Übertragung |
| Beschaffung & Entwicklung | SDLC mit Security, Secure-by-Default |
| Steuerung von Sub-Dienstleistern | Sub-Anbieter-Audits, Transparenz |
| … 7 weitere Bereiche |
ISO/IEC 27017 und 27018 — die internationalen Pendants
— Cloud-spezifische Erweiterung zu ISO 27002. Liefert zusätzliche Controls für Cloud-Service-Provider und Cloud-Kunden. International, BSI-kompatibel.ISO 27017 — Datenschutz-Erweiterung speziell für Public Cloud. Hilft beim DSGVO-Nachweis bei Cloud-Auslagerungen.ISO 27018
Praxis-Mix in deutschen Banken: BSI C5 + ISO 27017 + ISO 27018 + DORA-spezifische RTS — Cloud-Audits werden heute mit allen vier Werken gleichzeitig durchgeführt. Tendenz zur Konsolidierung über die kommenden Jahre.
Vertiefung im Normen-Handbuch BSI C5 vollständig — alle 17 Themenbereiche Detaillierte Cloud-Audit-Kriterien, Zusammenspiel mit ISO 27017/27018 und DSGVO-Aspekte.Praxis: Bank-Beispiele
SolarWinds 2020 — die Software-Lieferkette als Eintrittspunkt
Wir hatten den Vorfall in Modul 1 historisch und in Modul 3 als Angriffsklasse behandelt. Im Drittparteien-Kontext zeigt er das Lieferketten-Problem in Reinkultur: SolarWinds war ein vertrauenswürdiger Anbieter für Netzwerk-Management-Software. Banken wie viele andere Organisationen hatten SolarWinds-Verträge mit allen Zertifikaten, Audit-Berichten und Service-Levels — und bekamen trotzdem die kompromittierte Update-Datei.
Was Drittparteien-Steuerung daraus lernen muss:
- Audit-Berichte zeigen einen Stichtag, nicht den heutigen Zustand
- Zertifikate sind kein Schutz vor Supply-Chain-Kompromittierung
- Code-Signing-Verifikation und Detektion von ungewöhnlichem Update-Verhalten müssen on top kommen
- DORA Art. 30 verlangt heute genau solche Vertragsklauseln (Sub-Anbieter, Audit-Rechte, Notfall-Konzepte)
MOVEit / Cl0p Mai-Juni 2023 — die unbekannte Drittpartei
Cl0p nutzte einen Zero-Day in Progress MOVEit Transfer — einer Datenübertragungs-Software. Über 2.500 Organisationen waren betroffen, darunter Deutsche Bank, Aon, AXIS Capital, Postbank Schweiz.
Das Bemerkenswerte aus Drittparteien-Sicht: Viele Banken waren nicht direkt MOVEit-Kunden, sondern über ihre Dienstleister, die MOVEit einsetzten. Die Banken kannten den Anbieter „MOVEit” nicht einmal — er war eine Subunternehmen-Komponente ihrer Drittparteien.
DORA Art. 30 Punkt 5 (Subunternehmer-Klauseln) und das Drittparteien-Register adressieren genau dieses Problem: die Bank muss die Subunternehmer-Kette ihrer kritischen Anbieter kennen.
Capital One 2019 — Cloud-Misskonfig als Bank-Versagen
Im Juli 2019 wurde bekannt, dass eine ehemalige AWS-Mitarbeiterin 100 Millionen Datensätze der Capital One exfiltriert hatte. Der Angriffsweg:
- Eine Misskonfiguration der AWS Web Application Firewall (WAF)
- Erlaubte Server-Side Request Forgery (SSRF)
- Damit Zugriff auf die AWS-Metadata-API
- Und dort gespeicherte temporäre Credentials
- Mit denen S3-Buckets gelesen werden konnten
Aus Shared-Responsibility-Sicht: AWS hatte alle Werkzeuge korrekt bereitgestellt. Die WAF-Konfiguration war Verantwortung von Capital One. Das Versagen war Bank-seitig.
Folgen:
- 80 Mio Dollar Strafe vom US-OCC wegen mangelhafter Cloud-Risiko-Steuerung
- 190 Mio Dollar Settlement mit US-Bundesgericht
- CEO musste sich vor dem US-Senat verantworten
Lehre: Eine Cloud-Auslagerung ist kein Auslagerung der Verantwortung. Bei jeder Audit-Frage „wer hat das konfiguriert” ist meist die Bank gemeint.
Norm-zu-Realität-Mapping mit Drittparteien-Beispiel
Die fünf Merksätze für Modul 7
-
Auslagerung verlagert die Aktivität, nicht die Verantwortung. Egal wie viel ausgelagert ist — die Bank haftet, die Bank antwortet im Audit, die Bank wird sanktioniert.
-
Drittparteien-Lebenszyklus hat fünf Phasen. Pre-Assessment, Vertrag, Onboarding, laufende Steuerung, Exit. Phase 5 wird am häufigsten unterschätzt — DORA Art. 30 macht Exit-Strategien zur Vertrags-Pflicht.
-
CTPPs sind ein neues Konzept. Erste Anbieter bekommen 2025/2026 den Status „kritisch nach DORA Art. 31” und damit direkte EU-Aufsicht. Bewertungs-Druck auf die Bank, das Konzentrationsrisiko zu prüfen.
-
Cloud-Verantwortung folgt dem Shared-Responsibility-Modell. Daten und Identitäten bleiben immer Bank-Verantwortung — auch bei SaaS. Capital One 2019 ist der Lehrstück-Fall dafür.
-
DORA Art. 30 verlangt acht Pflicht-Inhalte. Beschreibung, SLA, Datenort, Audit-Rechte, Subunternehmer, Exit, Datenrückgabe, Insolvenz-Konzepte. Wer einen seiner Verträge ohne diese acht Punkte hat, hat ein DORA-Compliance-Problem.
Quiz zum Modul
7 Fragen · bestanden ab 67% richtigen Antworten.
1. Was unterscheidet eine "Auslagerung" im Sinne von MaRisk AT 9 von einem reinen Fremdbezug von Standardleistungen?
2. Ordne den Phasen des Drittparteien-Lebenszyklus die typische Aktivität zu.
- BegriffPre-AssessmentDefinition hierher ziehen oder rechts anklicken
- BegriffVertragsschlussDefinition hierher ziehen oder rechts anklicken
- BegriffLaufende SteuerungDefinition hierher ziehen oder rechts anklicken
- BegriffExit / BeendigungDefinition hierher ziehen oder rechts anklicken
Per Drag-and-Drop oder Klick zuordnen.
3. Was ist ein Critical Third-Party Provider (CTPP) nach DORA Art. 31?
4. Welche Inhalte muss ein DORA-konformer Auslagerungs-Vertrag nach Art. 30 enthalten? (mehrere richtig)
Mehrfachauswahl möglich.
5. Was meint "Konzentrationsrisiko" im Sinne von DORA Art. 29?
6. Ordne dem Cloud-Modell zu, welche Schichten typischerweise vom Anbieter verantwortet werden.
- BegriffIaaSDefinition hierher ziehen oder rechts anklicken
- BegriffPaaSDefinition hierher ziehen oder rechts anklicken
- BegriffSaaSDefinition hierher ziehen oder rechts anklicken
Per Drag-and-Drop oder Klick zuordnen.
7. Welcher Standard ist der deutsche Cloud-Audit-Katalog mit 17 Themenbereichen?
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